Pessovereinigung Deutschland & Schweiz e.V.

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Soul Projection - Soul Injection - von Almuth Roth-Bilz, 2018

1. Soul Projection

Unter “Soul Projection” versteht Pesso die Situation, in der der Klient seine Seele in jemandem anderen verwirklicht sieht, und sie in diesem Erkennen in jemanden anderen projiziert. Oft kann das, was mich wirklich ausmacht, meine Seele, nicht in mir leben, da meine Eltern diese Qualität von mir, z.B. meine Kreativität, unterdrückt, nicht ertragen, nicht beantwortet haben. Es keine „Passform“ für meine Seele gab. Und so kann diese Qualität, die etwas ganz Wichtiges ist, was mich im Innersten ausmacht, nicht in mir, meinem Körper, leben. Begegne ich nun jemandem, der genau diese Qualität lebt, der z.B. kreativ ist und dies verwirklicht, dann sehe ich in ihm „meine Seele“, die dort lebt. Und projiziere meine Seele dort hin.

Pesso vergleicht die Seele mit einem “Juwel“, strahlend und funkelnd. Sie ist das „Wertvollste“, das wir haben, und wenn wir mit unserer Seele in Berührung sind, reflektieren wir das Wertvolle und fühlen uns wie ein Juwel, farbig und licht. Und wenn wir uns so fühlen, dann fühlen wir das Leben farbiger, leichter und lichter und die Welt ist voller Wunder. Wenn es durch unsere Erziehung nicht möglich ist, dass unsere Seele in uns leben kann/darf, dann heißt das, dass unsere Seele, nämlich das, was wir wirklich sind, nicht in unserem Körper wohnen kann. Wir können so zerstört sein, so dass wir gar kein wertvolles Gefäß für die Seele sein können. Solche Leute sagen z.Bsp.: „Ich bin wertlos, ich bin niemand, ich bin ein Nichts“. Solche Leute verlagern die Seele dann in einen passenderen Platz, da sie sich selbst so winzig und beeinträchtigt fühlen. Man fühlt, man hat mit seinem Körper kein passendes Gefäß für dieses Wertvolle. Entweder geht die Seele dann in den Untergrund und zeigt sich in einem Symptom oder sie zeigt sich in sonst irgendjemandem. Wenn Leute z. Bsp. sehr „flach“ erscheinen und sie sprechen über eine geliebte Person und wenn dann in ihrem Gesicht so etwas wie „Wunder“ erscheint, dann kann man annehmen, dass sie ihre Seele in dieser Person erkennen, ihre Seele in diese Person projiziert haben.


Indikation für Soul Projection

  • Wenn jemand glänzende Augen bekommen, wenn er von einer anderen Person spricht. Es handelt sich um ein ganz spezifisches, funkelndes Glänzen, für das man als Therapeut einen Blick bekommen kann.
  • Wenn jemand bewundernd erzählt, jemand anderes sei so schön, so wundervoll.
  • Wenn jemand einer Person immer wieder Dinge schenken will.
  • Um Soul Projection handelt es sich oft, wenn Leute in Stars (Fußballstars, Schauspieler) verliebt sind.
  • Wenn jemand in Liebe zu jemandem fällt, der etwas hat (lebt, tut) was man selbst nicht hat, nicht lebt. Eine Frau z.B. suchte sich immer wieder Künstler als Partner, da sie selbst ihre Kreativität nicht leben konnte.
  • Wenn jemand nach dem Tod einer Person sagt: „Ich kann nicht länger leben“, dann heißt das, dass sie einen Teil ihrer Seele auf diese Person projiziert hat und dass dieser Teil von ihr nun mit der verstorbenen Person (in den Himmel/das Totenreich) „mit gegangen“ ist.
  • Sehr oft wird die Seele auf Partner oder Kinder projiziert. Man erkennt das daran, dass solche Personen glänzende Augen bekommen, wenn sie von ihrem Partner, ihren Kindern sprechen.
  • Hat jemand, es sind meist Mütter, seine Seele auf seine Kinder, eines seiner Kinder, projiziert, dann ist das oft auch damit verbunden, dass diese Mütter dann in die Rolle der „idealen Mutter“ für diesen auf das Kind projizierten Seelenanteil gehen, und damit sich selbst das geben, was sie früher entbehrt haben. Oft ist das aber gar nicht das, was dieses Kind braucht, und wenn es dagegen revoltiert (meist erst in der Pubertät), läßt diese „Undankbarkeit“ die Mütter zusammenbrechen. „Ich habe ihr/ihm doch alles gegeben“.


Therapeutische Arbeit

  • Man hat als Therapeut einen Anhaltspunkt für Soul Projection: der Klient spricht von einer bestimmten Person und seine Augen funkeln „wie ein Juwel“.
  • Nun kann man fragen: „Was hat diese Person Besonderes?“ Der Klient könnte z. Bsp. antworten: „Sie ist so lebendig“ oder: „sie ist so kreativ“.
  • Man fragt den Klienten: „Möchtest Du etwas Theorie hören“? und, wenn er zustimmt, erläutert man ihm die Theorie von „Soul Pojection“.
  • An der Reaktion des Klienten merkt man, ob ihm diese Theorie „etwas sagt“. Scheint die „Theorie“ ihm nichts zu sagen, verwirft man seine Hypothese, dass es sich um „Soul Projection“ handeln könne.
  • Hat der Klient Zeichen gegeben, dass die „Theorie“ ihm etwas sagt, dann wäre die nächste Frage: „Möchtest Du damit arbeiten“?
  • Hat man die Zustimmung dazu, dass der Klient mit „Soul Projection“ arbeiten möchte, dann ist das weitere Vorgehen folgendes:
  • Ein Rollenspieler (ein Objekt) wird in die Rolle dieser besonderen Person gewählt. (Möglicherweise ist auch bereits ein „Platzhalter“ für diese Person vorhanden.)
  • Nun läßt man den Klienten  ein kleines Objekt, z. Bsp. einen kleinen Kieselstein, in die Rolle dieses „Seelenanteiles“, den der Klient auf diese Person projiziert hat, wählen. Dieses kleine Objekt (Kieselstein) wird nun auf den Rollenspieler (das Objekt in der Rolle dieser Person) gelegt.
  • Nun muss man explorieren, warum dieser Seelenanteil, in unserem Beispiel die Kreativität, nicht in der Klientin „leben“ konnte. Was ihr gefehlt hat, welche Bedingungen es gab, so dass sie ihre Kreativität nicht ausleben, verwirklichen konnte.
  • Die Klientin könnte nun sagen: „meine Eltern waren so zwanghaft, es musste immer alles sauber sein“.
  • Nun könnte man „ideale Eltern“ konstruieren, mit denen es möglich gewesen wäre, dass dieser Seelenanteil (diese Eigenschaft) im Patienten hätte wohnen können. Im Beispiel: „Ideale Eltern“, die nicht zwanghaft, sondern „frei“ gewesen wären, selber kreativ gewesen wären. Wo die Ideen, Einfälle, das Ausprobieren des Kindes willkommen gewesen wären, Platz gehabt hätten.
  • Manchmal muss man auch „Filme“ für die Eltern machen.
  • Wenn der Antidote stimmt, die Klientin mit diesen „Idealen Eltern“ Zeichen der Befriedigung und Erleichterung zeigt, dann kann man die Klientin fragen, ob sie sich nun diesen Seelenanteil zurückholen möchte? (oder ob er von jemandem gebracht werden soll?).
  • Fragen, wo dieser Seelenanteil im Körper Eingang finden soll? (Brust, Bauch, Vagina, Nabel?). Oft wird die Brust oder die Herzgegend benannt, gezeigt.
  • Das Objekt, das in der Rolle des Seelenanteils ist, nun dorthin bringen (bringen lassen).
  • Die „Ideale Eltern“ halten nun schützend ihre Hände über den Seelenanteil, der auf der von der Klientin benannten Stelle am Körper liegt. Sie stehen hinter der Klientin. Die „Ideale Mutter“ legt ihre rechte, der „Ideale Vater“ seine linke Hand auf den Seelenanteil, der nun „in ihr ist“.
  • Die Sätze der „Idealen Eltern“ könnten lauten: „Bei uns hätte dieser Seelenanteil von Anfang an in dir wohnen können“. Oder: „Wenn wir damals als deine „Idealen Eltern“ da gewesen wären, wir würden „dies“ (die Kreativität) an dir geliebt haben.“ Dadurch und durch das Hände- über -den -Seelenanteil -Halten, segnen die idealen Eltern die Internalisierung.
  • Wichtig ist nun folgende Reihenfolge beim Deroling: Als erstes wird das kleine Objekt, das in der Rolle des Seelenanteils war, aus der Rolle entlassen. Der Klientin erklären, dass das Objekt – der Kieselstein - aus der Rolle entlassen wird und nicht der Seelenanteil, der in ihr bleibt: „der Stein geht aus der Rolle des Seelenanteiles, der nun in dir ist“. Die „Idealen Eltern“ halten weiterhin ihre Hände über dieser Stelle und die Klientin spürt, dass der Seelenanteil nun in ihr ist.
  • Nun werden alle anderen Figuren in der üblichen Reihenfolge entrollt, Platzhalter, Stimmen, Zeuge, Filme. Die „Idealen Eltern“ halten bis zum Schluss ihre Hände schützend/segnend über die Stelle, in der der Seelenanteil Eingang gefunden hat. Man kann vor dem Entrollen der „Idealen Eltern“ auch noch mal fragen, ob sie nun den Seelenanteil sicher in ihrem Körper spürt.


2. Soul Injection

Unter „Soul Injection“ versteht Pesso das Phänomen, etwas in sich zu spüren, von dem man nicht weiß: Ist dies mein Wunsch, will ich das oder bin ich das gar nicht? Wenn Eltern in ihrem eigenen Leben etwas nicht verwirklichen konnten, dann kann es sein, dass sie die Erfüllung ihrer Wünsche von ihren Kindern erwarten, ihre Wünsche auf ihre Kinder projizieren und dadurch in die Kinder injizieren. Der Vater eines Klienten z. Bsp. wäre gerne ein erfolgreicher Wissenschaftler geworden, konnte dies aber nicht verwirklichen, da er in der Nachkriegszeit seiner verwitweten Mutter auf dem Hof helfen musste. Diesen Wunsch möchte er nun in seinem Sohn verwirklicht sehen. Soul Injection hat bei dem Betroffenen einen Effekt auf den Piloten. Er weiß nicht: ist dies mein Wunsch oder dessen Wunsch? Soul Injection hat oft einen Anteil von Gewalt. Die Betroffenen fühlen sich „irgendwie gezwungen“, die unerfüllten Wünsche des anderen zu leben, obwohl sie „irgendwie“ spüren, dies nicht zu wollen, weil es nicht ihr Eigenes ist. Und dies auseinander zu kriegen ist mit einem verletzten Piloten schwierig. Zunächst können sie sich geliebt fühlen und erleben sich als „böse“, wenn sie spüren, dass sie den Wunsch des anderen nicht erfüllen möchten. Dies kann aber umschlagen in Wut und Ärger, weil sie sich „verletzt“ fühlen, weil sie „alleine“ sein wollen. Ein Klient sagte z.Bsp: „Es fühlt sich an wie ein fremder Teil in mir“. Man kann dieses Phänomen auch als „emotionalen Missbrauch“ beschreiben.

Das gleiche Phänomen ist es, wenn sich jemand (vom Teufel) „besessen“ fühlt. Die Teufelsaustreibungen früherer Zeiten waren nichts anderes als die Arbeit mit Soul Injection.


Therapeutische Arbeit mit Soul Injection

In den Teufelsaustreibungen ist das Modell der Arbeit mit Soul Injection vorgegeben. Das „Injizierte“ muss raus. Hat man in der therapeutischen Arbeit einen Anhaltspunkt für Soul Injection, der sich oft auch mit aus dem Kontext ergibt, so erklärt man als erstes die „Theorie“.

  • Hat man die Zustimmung, so könnte man z. Bsp. sagen: „das Prinzip des Vaters ist in dir“.
  • Nimm ein kleines Objekt für dieses Prinzip, lege es auf den Vater und lege einen Teil davon auf dich“.
  • Manchmal braucht es hier zunächst einen Film: ideale Eltern für den realen Vater als Kind, die in einer Zeit ohne Krieg gelebt hätten und ihn unterstützt hätten, seine Pläne zu verwirklichen.
  • Nun braucht man einen idealen Vater für den Klienten, der selbst genau solche idealen Eltern gehabt hätte, die in Zeiten ohne Krieg gelebt hätten und der immer seine eigenen Wünsche hätte realisieren können. Der nie etwas auf seinen Sohn hätte projizieren müssen.
  • Nun kann man den Klienten fragen, ob nun das kleine Objekt  in der Rolle des „Prinzipes des Vaters“ zu dem realen Vater (dem realen Vater im Film) zurück kann? Nach der Zustimmun durch den Klienten wird dies nun aus dem Klienten „herausgezogen“ . In der Gruppe durch einen Rollenspieler („Prinzipienherauszieher“), im Einzelsetting durch den Therapeuten, der kurzfristig in die Rolle des „Prinzipienherausziehers“ geht.
  • Dieses kleine Objekt in der Rolle des „Prinzipes“ wird nun zum Vater zurückgebracht. Manchmal muss man es sogar mit nachdrücklichen Worten seinem Besitzer zurück geben. Oft werden diese Injektionen als körperlich sehr tief sitzend empfunden, so dass es manchmal günstig sein  kann, das Prinzip nicht nur „weg“ zu nehmen, sondern ein wenig mit den Fingern in die Haut zu zwicken, zu fragen „habe ich es?“ und dann mit einem kräftigen Ruck herausziehen. Die Klienten spüren genau, wann es „draußen“ ist. 

In einem Fall, in dem die „Seele der Mutter“ aus dem Klienten heraus gezogen werden musste, achtete Al sehr genau darauf, dass es auf der symbolischen Ebene bleibt und nicht magisch wird.

  • Hat man einen Film für die injizierende Person gemacht,  so ist es wichtig, das aus dem Klienten herausgezogene  „Prinzip“ auf diese Person im Film  zu bringen, nicht auf den Platzhalter. Dort im Film kann der unbefriedigt gebliebene Wunsch der injizierenden Person erfüllt werden. Der Klient ist von Schuldgefühlen befreit.
  • Meist kommt es zu einer tiefen Erleichterung bei dem Klienten


Differenzierungen

Bei „Soul Projection“ fühlt sich die betroffene Person geliebt und aufgewertet. Bei „Soul Injection“ fühlt sich die betroffene Person zunächst geliebt, aber dann kommt Wut und Aggression. Denn wenn man sich von diesem Wunsch des anderen befreien möchte, so ist man „böse“.

Auch wenn es therapeutisch ähnlich gehandhabt wird, so ist „Soul Projection“ etwas anderes als die Arbeit mit „Prinzipien“. Wenn meine Seele, das Wertvollste von mir, in jemand anderem wohnt, so ist das etwas Spezielles, das sich durch einen speziellen Ausdruck in den Augen des Klienten zeigt. Bei „Prinzipien“ ist der andere der „Empfänger“ von „etwas von mir“, was ich selbst besitze und auf ihn projiziert habe weil ich es bei ihm gleichfalls erlebe. Das können alle möglichen Qualitäten sein. Das heißt, auf dem anderen ist ein „Prinzip“ von mir, das in der therapeutischen Arbeit mit einem kleinen Objekt dargestellt und dann im gegebenen Moment wieder zum Klienten zurück gebracht wird. Bei der Arbeit mit „Soul Projection“ ist es die Essenz der Arbeit, den projizierten Seelenanteil auf den Klienten „zurück zu bringen“, so dass er diesen Seelenanteil „internalisieren“ kann. Hat der Klient ein „Prinzip“ von sich in einer anderen Person erkannt und wurde dies mit einem kleinen Objekt gekennzeichnet und es hat sich im Verlauf der weiteren Arbeit kein günstiger Moment gezeigt (oder es war vom Verlauf der Struktur her einfach nicht nötig), dies „Prinzip“ „zurück“ zum Klienten zu bringen, so kann dies unter Umständen nicht tragisch sein und die weitere Arbeit, die Internalisierung der „Idealen Eltern“ eher stören. Es ist manchmal von der Strukturarbeit her gesehen keine Tragik, wenn ein „Prinzip“ auf einem Platzhalter verbleibt.


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