Pessovereinigung Deutschland/Schweiz e.V.

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Die Indikation für eine Pesso-Therapie - von Almuth Roth-Bilz

Die Schwierigkeit ist: es gibt oder gab damals, zu Lebzeiten von Pesso, keine systematischen klinischen Studien. Wie wichtig dies ist, bekommen wir im Moment in der Corona-Krise mit. Da kann man nicht einfach mal sagen: damit habe ich bei 10 Fällen gute Erfahrungen gemacht, also... Es braucht randomisierte klinische Studien mit Versuchs- und Kontrollgruppe, bei wem wirkt es, bei wem nicht, was sind die Nebenwirkungen? Wem darf man es nicht geben? Bei wem wäre es indiziert, aber die Nebenwirkungen sind so groß, dass man es nicht geben darf. Abwägung Kosten - Nutzen usw, usw. Das fehlt (noch) bei der Pesso-Therapie, und von daher sind alle Aussagen zur Indikation Erfahrungswerte einer kleinen Gruppe, Schätzwerte usw.

Ich trage mal zusammen, was ich von Pesso (mündlich) gehört habe und das, was sich mir in 26jähriger praktischer Arbeit mit (realen) Patienten gezeigt hat:

Von Pesso finde ich im Jahr 2009 (in einer Ausbildungsgruppe) folgende Aussage:
"keine Struktur, bei Leuten, die von jeder Emotion überwältigt werden und nicht bei solchen, die keine Symbole bilden können". Soweit Pesso. Sicher ist dies nicht vollständig, aber mehr habe ich in meinen eigenen Mitschriften nicht gefunden.

Ich selbst bin vorsichtig mit Borderline Patienten und psychosenahen Patienten. Ich habe ein Mal die Erfahrung gemacht, dass eine Patientin nach einer Struktur psychotisch geworden ist. Ein Mal und nie wieder! Seitdem bin ich extrem vorsichtig, mit wem ich Pesso-Therapie mache und mit wem nicht. Die Begründung ist einfach: es gibt einen Übergang von sehr plastischer Vorstellung zum Wahn. Und diese Tür ist bei manchen offener.

Vorsicht bei suizidalen Patienten. Eigentlich wäre Pesso-Therapie hier die Methode der Wahl (wäre also indiziert), aber: man muß es schon sehr gut können! Der Wunsch zum Suizid resultiert aus einem Platzthema. Man kann hierzu meinen Artikel zum "Haven of Baby Souls“ lesen. Ein Mal habe ich die Erfahrung gemacht, dass eine Patientin nach einer Arbeit mit dem Babyhimmel suizidal geworden ist. Und ich war damals schon eine erfahrene Pesso-Therapeutin! Zum Glück hat ihre Einzeltherapeutin mich angerufen, ich habe noch am selben Tag die Patientin bestellt, wir haben eine zweite Struktur gemacht und sie lebt heute noch. Wäre beinahe schief gegangen.

So, und nun systematisch:

Zunächst einmal muß man Indikation und Kontraindikation auseinander halten. Pesso-Therapie kann indiziert sein, und dennoch kontraindiziert. Siehe Beispiel oben. Kontraindiziert, weil die Therapeutin zu unerfahren ist. Und zusätzlich noch: es ist nicht das Mittel der Wahl (z.B. Hundephobie), hier ist VT oder anderes indiziert. Hier besteht zwar keine Kontraindikation, aber man schießt mit Kanonen auf nicht vorhandene Spatzen. Und geht an der Fragestellung vorbei.

Indikation ergibt sich aus:

  1. der Art der Störung, dem Krankheitsbild
  2. den Fähigkeiten bzw. Unvermögen und Eigenarten des Klienten
  3. Voraussetzungen in der Person des Therapeuten


1. Art der Störung:

  • Alle Störungen, deren Ursache (wahrscheinlich) aufgrund von Defiziten (Nichterfüllung der Grundbedürfnisse) vermutet werden kann,
  • Trauma
  • Holes in Roles (sorgt für andere, erschöpft sich darin, denkt nicht an sich. Burnout, Erschöpfung usw)

  • nicht indiziert bei allen Störungen, wo andere Methoden angezeigt sind. (Natürlich kann man Läuse und Flöhe haben, d.h. ein Teil der Störungen wird mit VT, ein anderer mit PBSP behandelt. Dann macht man, sofern man kann, mal Pesso mal VT. Auf den Kontrakt vor jeder Stunde achten!)

 

2. Voraussetzungen in der Person des Klienten:

  • der Klient muss zur Symbolisierung fähig sein
  • darf nicht von Emotionen überwältigt werden
  • ausreichend hohe Intelligenz
  • nicht psychosenah
  • für Gruppen wichtig: manche Personen können sich zu wenig schützen beim Zuschauen anderer Strukturen. Strukturen anderer „dringen zu tief ein“ Dann keine Gruppe, zunächst Einzeln und an Schutz arbeiten
  • Leute, die zu starke Projektionen auf die Therapeutin haben und das ausagieren
  • schwierig bei passiv-aggressiven Leuten

  • Personen, die keinen Kontrakt zur Pesso-Therpie schließen wollen oder können
  • wenn kein Pilot vorhanden ist sollte man nicht mit Pesso-Therapie arbeiten

  • ich mache im Vorgespräch oder den ersten Stunden einen kleinen Test: "sagt" die PessoTherapie (Theorie) diesem Klienten was, kann er was mit anfangen: ich setze mal "ideale Eltern" in die Luft, kann er was damit anfangen? (das erübrigt sich natürlich, wenn der Klient wegen Pesso-Therapie kommt) 


3. Voraussetzungen in der Person des Therapeuten

  • im Vorgespräch klären, ob die "Chemie" stimmt, man diese Person genügend mag, um mit ihr zu arbeiten

  • ob man sich der Art der Störung gewachsen fühlt und weiß, dass man damit umgehen kann 

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