Pessovereinigung Deutschland/Schweiz e.V.

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Pesso, Die Arbeit mit suizidalen Klienten,
Albert Pesso 1985
PS Press, Lake Shore Drive Franklin, New Hampshire

Freie, etwas gekürzte Übersetzung - für die Pesso- Intervisionsgruppe von Dipl. Psychologin Susanne Kersig


Die Arbeit mit Klienten aus verschiedenen Kulturen die suizidal sind oder eine frühe intrauterine toxische Geschichte haben, haben in mir die Überzeugung reifen lassen, dass die Worte und Metaphern, die ich hier benutze, angemessen, hilfreich und eventuell sogar archetypisch sind. Für viele Klienten sind es emotional bedeutungsvolle Metaphern. Für Klienten die nicht religiös sind, benutze ich eher Worte wie: Kosmos, Natur, die Leere oder Buddha.

Bevor wir geboren werden, vor unserer Existenz, befinden wir uns in den Armen Gottes. Wir sind eingebettet in Segen und Einheit, die uns totale Zufriedenheit und Sicherheit geben. Dort können wir nicht sterben, weil wir ja noch nicht leben. Wir können nicht verletzt werden, weil wir umgeben sind von Kraft. Wir können nicht verloren gehen, weil wir noch keine getrennten Wesenheiten sind.

Um von Gott weggezogen zu werden, um bereit zu sein, auf einer anderen Ebene der Realität zu leben, auf der Erde, um in Fleisch und Blut geboren zu werden, müssen wir mit Süße und gut schmeckenden Dingen geführt werden, die ähnlich sind, wie das, was wir in den Armen Gottes erfahren haben: unendliche Liebe, Wärme, Sicherheit und „blissfull feelings“, denn warum sollte eine Seele sonst auf die Erde kommen wollen und leben wollen, wenn es nicht so attraktiv ist wie in den Armen Gottes zu sein?

Der Uterus bildet eine wunderbare Brücke zwischen der Wärme und Liebe Gottes. Eingebettet in eine warme und geborgene sich nach dem Kind sehnende Mutter, bemerkt die Seele kaum, dass sie nun auf der Erde ist und nicht mehr im Himmel.

Nachdem das Kind geboren wurde, müssen die Arme, die Herzen und Augen der Eltern den Effekt des Geborgenheits-spendenden Uterus fortsetzen. Die Eltern müssen das Kind wissen lassen, dass Gott auch in ihren Armen, Herzen und Blicken wohnt. Denn das Kind hat ja nichts anderes gekannt und wird sich danach zurücksehnen, wenn es diese Qualitäten nicht auf der Erde vorfindet.

Diese Bilder haben klinische Relevanz, denn wenn die Erfahrung des Klienten im Uterus schlecht war und die Arme und Augen der Eltern ablehnend, möchte der Klient wieder nach Hause zurück, wo die Dinge am richtigen Ort waren. Die Seele weiß, was ihr Geburtsrecht ist und sucht nach Wegen, zurückzukehren.

Kinder die zwischen dem 1. und 6. Monat krank waren und ins Krankenhaus mussten, und so von zuhause getrennt waren, zeigen eine stereotype Antwort darauf: Das Nahtod-Erlebnis scheint sie von ihren Körpern zu trennen und hält sie davon ab, ihren Eltern zu vertrauen, besonders, wenn die Krankheit lebensbedrohlich war. Es ist so, als seien sie dem Tod nahe gekommen und dies impliziert auch Gott und sind deswegen weniger verbunden und interessiert am Leben auf der Erde. Sie haben weniger Interesse an der realen Welt, scheinen weit weg zu sein und sich nach einem anderen Ort zu sehnen. Als Erwachsene, wenn sie den Effekt des frühen Traumas nicht überwunden haben, werden sie Träumer, phantasieren von anderen Welten, oder beten zu Gott. Sie fühlen sich weder in ihren Körpern noch in ihrer Heimat wirklich zuhause.

Es ist, als ob der Übergang von den Armen Gottes in die Armen der Eltern gestört sei und sie sind irgendwo in der Mitte gelandet. Sie sind nicht mehr vollständig bei Gott, aber sie sehnen sich mehr nach Gott als nach Nähe mit Menschen. Und in der Vergangenheit waren sie nicht voll in den Armen der Eltern, denn die Eltern werden als unwillig beschrieben, Nähe zu zulassen. Sie sehnen sich nach Intimität, Nähe und Liebe mit anderen Menschen, sind jedoch nie ganz fähig, diesen Schritt zu vollziehen.

Wenn das Kind in Zeiten der Krankheit kein vertrautes Gesicht hatte, an das es sich hätte wenden können, wendet es sich an einen Teil von sich selbst oder an etwas sich selbst Transzendierendes. Solche Kinder werden sehr religiös, verbringen viel Zeit mit Meditation, Aufgehoben- sein in der Natur oder anderen Aktivitäten intensiver Beziehung zu etwas anderem als menschlichen.

Ich beschreibe hier Kinder und Erwachsene, die die traumatischen Erlebnisse überlebt haben. Andere Kinder, die in ihrem Überlebenskampf nicht genügend Symbole für das Göttliche vorfinden konnten, sind einfach gestorben.

Die Entwicklungsbedürfnisse des Kindes müssen von Menschen außerhalb des kindlichen Selbst beantwortet werden. Wenn das Kind eine lebensbedrohliche Situation ganz alleine übersteht, lernt es zu früh, sich auf sich selbst zu verlassen. Anstatt sich innerlich auf ideale Eltern beziehen zu können, die ihm beigebracht hätten, sich zu ernähren, zu unterstützen, zu schützen und zu begrenzen, musste das Kind sich nur auf sich selbst verlassen und hat kein äußeres Modell für die Internalisierung dieser Fähigkeiten. Das führt dazu, dass die Außenwelt nicht als vertrauenswürdig erscheint. Das Kind wird zu seinem eigenen Objekt, seinem eigenen anderen. Es hat nicht nur die Tendenz, sich in Richtung Gott zu bewegen, es identifiziert sich auch mit Gott, wird selber zu Gott.

Die schwierige Aufgabe besteht darin, die Person dahin zu bringen, nicht nur sich selbst, sondern auch anderen als Gottes – Gefäße (God containers) zu vertrauen. Ansonsten wird sie sich bis zum Tode nach Gefühlen von Geborgenheit und Nähe sehnen.

Der Weg zurück ist, dass man die Symbole ausfindig macht, an die sich das Kind gewandt hat, mag es das Licht sein, der Himmel, der Mond, die Wolken, das Wasser, oder was auch immer sein. Ohne dass diese Symbole lebendig gemacht werden, wird der Klient immer entfernt sein von Intimität und Nähe. Darum ist das Symbol des Todes so wichtig. Denn in das Symbol des Todes werden die Symbole von Heimat, Verbundenheit, Geborgenheit und Frieden projiziert.

Suizidale Klienten wollen nicht einfach nur nicht mehr leben, sie wollen noch einmal die Zufriedenheit erleben, von der sie fühlen, dass sie sie schon einmal hatten. Sie antizipieren das Ende der Schmerzen in das Ende des Lebens. Sie sehnen sich nach dem Frieden, den sie erfahren, wenn sie tot sind. Sie glauben nicht mehr daran, dass das Leben ihnen geben kann, wonach sie sich sehnen.

Bei solchen Klienten erlaube ich es manchmal, dass sie symbolisch sterben in einer Struktur, als Mögichkeit, die Energie des Impulses hinter dem suizidalen Akt für ein positives therapeutisches Ergebnis zu nutzen. Natürlich ermutige ich diese Klienten nicht, sich tatsächlich umzubringen. Noch möchte ich, dass sie den Akt des symbolischen Sterbens wie eine Probe verstehen vor dem richtigen Suizid. Auf keine Weise unterstütze ich die tatsächliche suizidale Tendenz, denn ich glaube an das Leben und möchte nicht, dass sie die Hoffnung im Leben aufgeben.

Das Wesentliche ist, elementares Vertrauen in die Energie im Körper als heilender Quelle zu haben, selbst wenn diese Energie sich auf der bewussten Ebene in Richtung Tod zu bewegen scheint.

Bei Klienten, die sich selbst zu Tode prügeln möchten, statt einfach nur zu sterben, ist die Pesso- Intervention, die Schläge durch Begrenzungsfiguren vom Landen abzuhalten. Solche Klienten sind voller Selbsthass und sehnen sich nicht so sehr nach Frieden, sondern sind eher in der Kraft des Hasses und der Wut nach innen gerichtet. Solchen Klienten würde ich nicht die Möglichkeit eines symbolischen Todes vorschlagen. Darüber werde ich an anderer Stelle schreiben.

Die Intervention, die ich hier vorstelle, ist für Klienten, die sich nicht wütend oder schuldig fühlen, sondern eher deprimiert und verarmt in ihrer Geschichte, keinen zufrieden stellenden Kontakt mit Elternfiguren gehabt zu haben.

Wenn Klienten die Freiheit haben, symbolisch zu sterben, werden sie meistens so etwas tun wie aufgeben, klein beigeben, oder was immer das Symbol für das richtige Sterben dann sein mag. Sie enden häufig am Boden liegend, in sich gerollt und in eine Decke gerollt. Ich habe bemerkt, dass was immer sie wählen, die Körperhaltung häufig Ähnlichkeit hat mit der intrauterinen Haltung als Symbol für Geborgenheit.

Der Effekt des endlich Loslassen- Könnens ist dramatisch in den Körpern sichtbar. Erleichterung und Wohlbefinden fliessen durch sie durch, genauso, wie das Unbewusste es sie hat erwarten lassen. Normalerweise verspannt, wird jetzt die Atmung ruhig und der Körper völlig entspannt. Die Gesichter erhellen sich mit den ersten Anzeichen von Erleichterung, Wohlbefinden und Zufriedenheit.

In diesem symbolischen Sterben ist die hohe Energie im Körper als Handlung befreit. In der Pesso Therapie wird eine Handlung immer mit einer Interaktion beantwortet. So wird der Klient dann gebeten, jemanden in die Rolle zu wählen, mit wem oder was sie sich im Moment zugehörig fühlen bzw. zusammen sind, jetzt wo sie tot sind, z.B. dem Kosmos, Gott, Buddha, dem Nichts oder der Leere. So wird der symbolische Tod interaktiv und nicht einsam und isoliert und gibt die therapeutische Möglichkeit, dass sie einen Dialog mit dieser Figur haben können, die den Ort repräsentiert, an den der Tod sie bringt.

Der Klient sagt dann vielleicht Dinge wie: „Endlich Frieden, ich fühle mich so erleichtert, so gut..“ Das erlaubt der Rollen-spielenden Person zu sagen: „Du kannst Frieden und Erleichterung bei mir erleben.“ So erlebt der Klient die Erleichterung als Teil einer Beziehung und nicht einfach als Ergebnis vom Sterben als einem einsamen Erlebnis.

Dem Klienten wird erlaubt, in dieser Position so lange wie möglich zu bleiben. Nur das Symbol des Todes erlaubt ihnen die Möglichkeit der Erleichterung und Freude. Nur da, in der Mitte des Todes erwarten sie die Süße des Geschmackes der Liebe zu finden.

Während der Klient im Gefühl des Gestorben-Seins bleibt, kann die Erleichterung und das angenehme Gefühl im Körper überraschend für ihn sein, denn bis jetzt waren solche Gefühle im wahrsten Sinne des Wortes für ihn gestorben.

Und wenn einmal Freude und Zufriedenheit des Lebens durch die  Adern der Klienten pulsiert, fangen sie an, sich wirklich für das Leben zu interessieren. Denn eine Funktion des Lebens ist, dass man weiterleben möchte, wenn es genügend angenehm ist. Dieses neue, angenehme Gefühl bringt Klienten in einen Konflikt. Denn wenn sie sich jetzt für das Leben entscheiden, warum sollte es besser sein als vorher? Wird es nicht gleich wieder schrecklich, schwarz und schlecht schmeckend werden, so wie das Leben bis jetzt eben war?

   An dieser Weggabelung helfe ich Klienten, einen liebenden Gott zu konstruieren, der zum Beispiel so etwas sagen könnte wie: „Ich werde Dich bei mir bleiben lassen und Dich nicht zurück auf die Erde gehen lassen, bevor ich nicht die genau richtige Mutter und den richtigen Vater gefunden habe, denen ich Dich übergeben kann“. Dann kann Gott zum Beispiel mit Hilfe von Engeln den Klienten zur idealen Mutter transportieren und ihn in ihren Uterus platzieren.   

Wenn die Mutter des Klienten nicht liebevoll war oder nie ein Kind wollte, kann der Klient es schwierig finden, in den Mutterleib von irgendeiner Mutter platziert zu werden. Solchen Klienten biete ich als Übergang an, in den Hodensack eines idealen Vaters platziert zu werden, der verspricht, nicht eher zu ejakulieren, bevor nicht die genau richtige ideale Mutter für den Klienten gefunden wurde. Dann kann der Klient sich zufrieden in die Geborgenheit dieses Bildes oder Zustandes einrollen, in der gleichen Weise, wie er vorher in den Armen Gottes aufgehoben war.

Langsam fangen Klienten an, sich dafür zu entscheiden, sich in die Geborgenheit von idealen Eltern zu begeben, die als genaues Antidote zu den realen konstruiert werden. Dies kann auch erst in einer folgenden Sitzung passieren. Erst einmal muss die Suche nach den exakten Qualitäten gemacht werden, die das ideale Elternpaar haben sollte. Gott sucht nach ihnen und verspricht, dass der Klient niemals in die Hände von falschen Leuten geraten wird. Und dass nur diejenigen, die diese göttlichen Eigenschaften von Liebe und Geborgenheit haben, in die Auswahl kommen. Sollte der Klient in den Hodensack eines idealen Vaters gelegt worden sein, dann sucht der Vater nach der idealen Ehefrau, die dann zur idealen Mutter für den Klienten wird.

Die Zufriedenheit, die der Klient in den Armen Gottes gefunden hat, der ihn gehalten und geliebt hat, bietet eine neue Grundlage für das wirkliche Leben hier. Die guten Gefühle, die wieder im Klienten fließen, bieten Grundlage für die Hoffnung, dass man solche Gefühle auch bei idealen Eltern erleben kann, also bei lebenden Personen. Der Klient fühlte sich ja bei lebenden Menschen wohl, denn die Rolle des Bildes des Klienten von Gott hatte ja ein Gruppenmitglied, also ein Mensch.

Wenn der Klient in die idealen Eltern platziert wird, gibt es keine Unterbrechung von Gottes liebevoller Fürsorge, nur eine Veränderung der Bilder von einer Form in die andere. Von der göttlichen, nicht weltlichen Form zu einer gut geprüften lebenden Form.

Es wird anerkannt, dass die reale Geschichte des Klienten schmerzlich war und deswegen muss die Rückkehr von Tod und von Gott zurück ins Leben mit großer Vorsicht vorgenommen werden, damit keine Verkleinerung von Gottes Liebe dabei stattfindet. Denn wenn es eine Unterbrechung bei diesem Übergang gibt, kann es dem Klienten so erscheinen, als ob das Leben doch noch unsicher sei und dass doch nur der Tod und der wirkliche Kontakt mit Gott ein verlässlicher Weg zum Frieden sei.


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